In dieser Reihe erscheinen in unregelmäßigen Abständen Hintergrundartikel diverser Autoren, die zu den Themen der Zukunftswerkstatt schreiben. Meistens handelt es sich um Hintergrundinformationen zu Diskussionen im Forum. Sie können direkt von den Artikeln über den Link zu den Diskussionen gelangen.
"Style is that part of the formal variability in material culture that can be related to the participation of artifacts in processes of information exchange"
- Martin Wobst, 1977.
Die in den 60er Jahren beginnende Interpretation von Kulturen als Systemen, die ihrerseits Prozessen unterworfen sind (die sog. "New Archaeology", siehe Binford 1962), führte dazu, auch die materiellen Hinterlassenschaften als mögliche Träger einer kommunikativen Funktion verstehen zu wollen.
In dem 1977 von M. Wobst publizierten Artikel "Stylistic Behaviour and Information Exchange" wurde zum ersten Mal überzeugend dargelegt, dass stilistische Variabilität eine soziale und kommunikative Funktion besitzt.
Im Gegensatz zur damals vorherrschenden Meinung, dass stilistische Veränderungen von Artefakten keine funktionellen Aspekte aufweisen können, bewies Wobst aber, dass dem Stil bzw. der Veränderung eines Stils eine aktive Rolle innerhalb der Kommunikation bzw. des Informationsaustausches zugeschrieben werden muss. Eine besonders starke Entwicklung des Stils ist in den Bereichen zu finden, in denen die eigene Identität einer anderen gegenübergestellt wird und sich somit von dieser abgrenzen muss.
So ist z. B. die Kopfbedeckung in Jugoslawien (als Teil einer folkloristischen Tracht) sowohl ein gut sichtbares Artefakt aus weiter Entfernung und kann zudem mit der größten Anzahl von Informationsaustauschkontexten in Kontakt kommen. Deshalb ist die Kopfbedeckung ideal dafür geeignet, die stilistischen Botschaften in Bezug auf größere Angehörigkeitsgruppen (ethnisch, sprachlich, u.a.) einer Person zu übertragen.
Die Analyse der Regelmäßigkeiten, wie sich an Objekten (in der Archäologie z.B. oft Keramikverzierungen und deren Verteilung) der materiellen Kultur eine Information manifestiert bzw. weiterentwickelt und wie diese wirken, sollte ein Gegenstand der Forschung sein.
Neben der Funktion als Träger von Informationen, die ein bestimmter Stil ver- bzw. übermitteln kann, wurde auch die formale Struktur des Stils in der Archäologie behandelt. Fast ausnahmslos wird dabei Analogien zur Sprache und auf in der Linguistik entwickelte formale Analysemethoden verwendet.
Die Voraussetzung aller sprachlichen Untersuchungen ist dabei die Erarbeitung einer Grammatik. Entsprechend versuchten Archäologen Stilgrammatiken von bestimmten Kategorien zu finden. Man kann generell zwei Arten von Stilgrammatiken unterscheiden. Die erste Art ist beschreibend, die zweite generativ. Beiden Ansätzen liegen die grundlegenden Werke der Linguisten F. de Saussure (1967) und N. Chomsky (1973) zugrunde. De Saussure unterscheidet zwischen "langue" und "parole", wobei "langue" ein beliebiges Sprachsystem einer Gemeinschaft, "parole" aber eher den Sprachgebrauch einer einzelnen Person darstellt.
Für die Archäologie ist die Erstellung und Anwendung solcher "Grammatiken" äußerst schwierig. Häufig wurden bestimmte Keramikverzierungen untersucht und in Gruppen bzw. Typologien gegliedert um dann anschließend auf einen räumlich-zeitlichen Aspekt hin untersucht zu werden (Bernbeck 1997).
Ein Problem bei der Anwendung einer primär für die Wissenschaft der Linguistik entworfenen Analysemethode ist die hochgradige Komplexität von Formen und Mustern , die in der Archäologie behandelt werden. Anders als in der Linguistik, die alle bekannten Sprachen mit grundsätzlichen Regeln beschreiben kann, ist in der Archäologie eine solche Regelhaftigkeit nicht vorhanden. Vielmehr muss in der archäologischen Forschung damit gerechnet werden, dass solche Regeln, sofern sie bestehen sollten, ständig überschritten werden können und somit einfache Regelsätze nicht mehr anwendbar sind. Außerdem sind nicht alle Artefakte geeignet, um stilistische Botschaften zu übertragen und noch weniger sind von diesen schließlich archäologisch erhalten. Archäologische Forschung ist zudem immer eine Interpretation (wenn auch möglich) von materiellen Hinterlassenschaften und kann niemals eine genaue Rekonstruktion der Vergangenheit geben.
Literatur:Sie wollen immer aktuell informiert sein über die Zukunftswerstatt? Dann abonnieren Sie doch einfach den Newsletter.