Artikel zur Zukunftswerkstatt

In dieser Reihe erscheinen in unregelmäßigen Abständen Hintergrundartikel diverser Autoren, die zu den Themen der Zukunftswerkstatt schreiben. Meistens handelt es sich um Hintergrundinformationen zu Diskussionen im Forum. Sie können direkt von den Artikeln über den Link zu den Diskussionen gelangen.

24.4.2004 (Jens Maier)

Der Papst und die Zukunftswerkstatt

Wenn man -- wie ich im Moment -- aus dem Fenster hinaus den Blick über die Tübinger Weststadt gleiten lassen kann, dann denkt man plötzlich an "Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Josephum Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Ratzinger qui sibi nomen imposuit Benedictum XVI" (Homepage des Vatikan) -- eben an Joseph Alois Ratzinger, der von 1966 bis 1969 in Tübingen Theologie lehrte.

Und was reden sich die Menschen nicht den Mund fusselig über das "Tübinger Trauma" des jungen Theologen, dem die Bewegungen von unten, von den normalen Menschen, suspekt und gefährlich wurden. Küng in der FAZ: "Seitdem sieht er alles, was von unten kommt, als Bedrohung."

Und deshalb -- so seine Hagiographen -- hat er sich zurückgezogen, hat sich auf die Suche gemacht nach der reinen Lehre und nimmt dabei nicht nur in Kauf, dass die Menschen sich von der Kirche distanzieren, sondern fördert dies gerade. Er will eine kleine, starke, reine Kirche. Die ideale Kirche!

Wie die meisten Platoniker ist er auf der Suche nach dem Ideal, nach der reinen immateriellen Idee hinter der Wirklichkeit. Diese Idee muss man nicht rechtfertigen, es gibt nichts zu verhandeln. Die reine Kirche existiert alleine zu ihrem Selbstzweck.

Und jetzt kommen wir zur Zukunftswerkstatt. In einer Zukunftswerkstatt wird nämlich etwas verhandelt, etwas in Frage gestellt und etwas gestaltet: Nämlich die Zukunft. Nun habe ich vor mittlerweile ja schon beinahe vier Jahren die Zukunftswerkstatt Linguistik eingerichtet, die mit weit weniger Enthusiasmus aufgenommen wurde als der neue Papst.

Die Linguistik ist der katholischen Kirche ja nicht unähnlich. Bei uns gibt es auch einen Papst, der heißt Chomsky. Und auch dieser Papst ist ein Platoniker. Im Gegensatz zu Ratzinger ist er nicht auf der Suche nach der reinen Lehre sondern nach der reinen Sprachkompetenz. Die ideale Sprache, die von der Körperlichkeit des Menschen unbeeinflusst, gleich einer immateriellen Idee in der Seele schwingt.
Es gibt jedoch einen Unterschied zu Ratzingers Kirche: Die Sprache existiert auch ohne Linguisten, während für die Kirche dergleichen nicht gilt. Da müssen zwei oder drei in seinem Namen beieinander sein.

Die Linguistik als Wissenschaft, als Gemeinschaft, als Ansammlung einzelner Menschen, muss ihre Ziele jedoch verhandeln. Denn die Linguistik existiert nicht als Selbstzweck. Wir brauchen die Stimmen von unten, wir brauchen den Dialog. Schon alleine, um die Orientierung nicht zu verlieren. Es ist ein großer Unterschied, ob man den Forschungsgegenstand (reine Kirche/ideale Sprache) als nicht verhandelbar ansieht, oder ob man metaphorisch den Gegenstand und die Gemeinschaft gleichsetzt und damit auch die Gemeinschaft nicht mehr in Frage stellen will. Man kann letzteres tun ohne ersteres in Frage zu stellen!

Jetzt habe ich mit dem Papst eigentlich nur Werbung machen wollen für die Zukunftswerkstatt Linguistik. Denn die Linguistik sollte keine Angst vor den Anstößen von außerhalb haben.
Dabei will ich auch nicht unerwähnt lassen, dass es im letzten Jahr in NATURE einen Artikel zu dem Thema im weitesten Sinne gab: Going Public (Nature, Vol 43, 21 Oct 2004).
Des Weiteren ist in England die Debatte über den öffentlichen Beitrag zur Wissenschaft wesentlich strukturierter als in unseren Landen. Empfehlenswert folgende Beiträge:
Eine Broschüre von DEMOS -- See-through Science: Why public engagement needs to move upstream kann man sich als kostenloses PDF runterladen.

Sehr schön auch: "After the "Two Cultures": Toward a "(Multi)cultural" Practice of Science Communication" von José van Dijck, das man sich auch kostenfrei als PDF runterladen kann. Darin wird die Debatte um "public understanding of science" sehr schön beschrieben.

Und mit all diesen Informationen hoffe ich, dass die Linguistik kein "Tübinger Trauma" von sich trägt, sondern sich dessen bewusst bleibt, dass ihr Gegenstand nicht verhandelbar ist (da die Sprache ja ohne Linguisten perfekt ist), aber die Ziele der Linguistik sehr wohl verhandelbar sind. Wir brauchen die Ideen von außen. Verhandlungsort ist die Zukunftswerkstatt Linguistik, Verhandlungszeitpunkt: rund um die Uhr.
Dies gilt nicht nur für den Stadtkreis, sondern weil wir online sind, auch für Orbi.


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